Im Dezember 2024
In der ersten Zeit nach Biggi Tod habe ich ganz viele Situationen in unserem Leben analysiert, dabei ist Selbstfindung oder Selbsterkenntnis ein wichtiger Teil der Trauerarbeit.

Nicht alles Schlechte, Schiefgelaufene, Verbockte hervorkramen, sondern sich mit Situationen auseinandersetzen, die einen gerade so in den Sinn kommen.
Wenn ich so an den Kurs „Befähigung zur Sterbebegleitung“ 1 denke (leider erst „danach“ belegt), muß ich sagen, ich habe dort so viel über mein Leben gelernt bzw. wieder erfahren, daß ich mich zuerst gewundert habe und danach befreit war, denn ich hatte auf einmal verstanden, warum das eine oder andere belastet oder gefördert hatte, wie ganz frühe Erfahrungen von Trauer und vorgelebter Trauerbewältigung den Lebensweg geprägt haben.

Solche doch sehr intimen Inhalte wie den posthumen Brief an meinen Schatz gebe ich hier nur wieder, weil vielleicht der / die eine oder andere Ähnlichkeiten in seinem Verhalten erkennt und früher zur Erkenntnis kommt als ich.

Der Fels in der Brandung (WeißerLay)

Für meinen Schatz war ich von Anfnang an die Stütze, die immer Rat wußte, wenn mal etwas problematisch wurde.

Die eigene Sicht, die tiefere Erkenntnis

Heute weiß ich, daß es nicht „Rat wußte“ sondern „Ausweg gesucht“ war.

Und die Liebe ist die größte unter ihnen.

Ich denke, ohne die Liebe wäre schon weit vor ihrem Ende unser Ende gekommen.

Hier der Brief, den ich kurz nach dem Tod meiner Frau und kurz vor Weihnachten geschrieben habe, weil ich bemerkte, daß diese Entschuldigung drei bis fünf Jahre vorher wichtig gewesen wäre, aber mir mein Ego das Nachdenken geraubt hatte:

Liebe Biggi,
mein Schatz.
Ich habe heute realisiert, welchen Oberscheiß ich eigentlich gemacht habe.
Ich habe etwas in dir zerbrochen, das du immer mit mit verbunden hast, das Vertrauen in mir, als wahrscheinlich letzten Menschen, dem du noch vertraut hast.
Eigentlich war es (in meinen Augen) nur eine Kleinigkeit, aber sie hat dich, dein Leben und ich glaube, seit heute, auch meines gravierend verändert.
Es war nicht die große finanzielle Scheiße, die ich gebaut hatte, das konntest du zwar nicht verstehen, hast es aber verziehen.
Als wir dann nach Worms geflohen sind hast du mir gesagt, ich solle dich fragen, wenn es mal wieder eng würde und ich habe es versprochen.

Und die Geschichte jetzt, hast du mir so oft erzählt, vorgehalten, ja vorgeworfen
und erst heute habe ich verstanden wieso.

An einem Monatsanfang hast du mich gefragt: „Was hast du noch auf dem Konto?“
Ich erwiderte: „Nichts, ist doch alles bezahlt, Miete, Versicherungen, Strom.“

Du schautest mich an und fragtest fassungslos: „Und von was sollen wir Leben? Wir müssen essen, tanken, einkaufen. Warum hast du mir nichts gesagt? Ich hätte dir doch was gegeben.“

Und ich habe den Knacks damals nicht gehört, gespürt, den es in deinem Herzen getan hat.
Ich fragte mich immer, warum du verschlossener geworden bist.

Ja, der einzige Mensch, dem du immer vertraut hast, hat dein Vertrauen nicht erwidert, wollte dich sogar wieder hintergehen.

Oh, ich kann dich verstehen.

Ich hoffe nur, du hast in den letzten Jahren gemerkt, daß ich wieder vertrauenswürdig bin. Ich denke, in deiner Krankenzeit, die letzten zwei Jahre, hast du auch dazu wieder ein positives Gefühl bekommen.

Trotzdem: bitte verzeihe mir. Gutmachen kann ichs leider nicht mehr.

Ich weiß noch, als ich den Brief geschrieben habe, sind mir die Tränen sowas von gelaufen – wie heute, wo ich ihn hier eintippe.

Ich konnte es nicht mehr besprechen – das tut bis heute weh.

Man kann nicht früh genug damit beginnen, achtsam zu sein, gegenüber sich selbst, dem Nächsten, aber besonders gegenüber seinem/r Vertrauten.


  1. Der Kurs „Zur Sterbebegleitung befähigen“ wurde vom Hospizverein Westerwald e.V. unter Leitung von Daniela Kiefer-Fischer durchgeführt. Wir waren eine so tolle Truppe und Daniela hat uns so unterstützt, daß wir alle ganz viel über uns selbst – auch durch die Erfahrung der Lebens- und Leidensgeschichten der anderen – gelernt haben und das dann auch für unsere Begleitung Sterbender (und deren Zugehörigen) anwenden können.
    Ich empfehle jedem, einen solchen Kurs zu besuchen – und wer sich nicht traut, sollte zumindest Mitglied im Hospizverein (seiner Wahl) werden. ↩︎

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